Ello, das neue soziale Netzwerk – is this it?

Filed under: Notizen — Schlagwörter: , , , , , , — Eno Thiemann @ 18:58

In Zeiten der beständigen Digitalisierung unserer Lebenswelt und einem schieren Überangebot an webbasierten Diensten und Apps an allen Enden wird es langsam schwerer, mit einer neuen Idee mehr als nur ein kurzes Zucken der Augenbrauen, mehr als ein knappes unverbindliches Herumspielen mit den Möglichkeiten bei uns hervorzurufen. Apps, Startups, Ideen kommen und gehen oder werden von Internetgiganten gefressen, um kurze Zeit später eingestampft zu werden.

Wandel und Beständigkeit

Netzwerkplattformen wie MySpace und das legendäre StudiVZ können ein Lied davon singen. Einst gefeiert und steil aufstrebend, alle waren wir da, haben sie irgendwann den Anschluss verpasst, sind irgendwann anderen Netzwerken gewichen, die mehr Funktionen, bessere und schickere Interfaces hatten und wahrscheinlich einfach charmanter waren. Selbst komplette Relaunches halfen schließlich nicht mehr aus dem Desinteresse heraus, das ihnen die Nutzer mittlerweile entgegenbrachten.

Platzhirsche der digitalen Netzwerkkommunikation sind schon lange Facebook, Twitter und Google Plus. Sie sind bei weitem nicht die einzigen oder zwingend die schönsten. Aber sie haben es geschafft, sei es durch ständige Innovation und Neuerfindung wie bei Facebook, durch Beständigkeit wie bei Twitter oder durch Zwangsbindung via Googlekonto, ihren Platz am Markt zu behalten oder sogar zu stärken. Viele Internetuser, wir hippen sowieso, sind auf allen Plattformen, nicht jeder fühlt sich aber in allen zuhause.

Du bist das Produkt!

Allen drei Netzwerken ist gemein, dass sie irgendwie Geld verdienen wollen und deshalb den Nutzer und seine Daten zum Produkt machen – da sind sich Facebook, Twitter und Google Plus einig. Während sie alle anfangs noch werbefrei waren, erhöhen sie nun ihren Mehrwert für Investoren durch geschaltete Werbung als auch die Verwendung der Nutzerinteressen, um Werbeanzeigen interessanter zu machen.

Ello – Schluss mit Datenmissbrauch (?)

Genau an diesem Punkt setzt ein neuer Stern am Firmament der sozialen Netzwerke an – Ello war eigentlich als ein internes Netzwerk für ein paar Freunde konzipiert, das aber schließlich soviel Interesse erzeugte, dass sich die Gründer entschieden, es öffentlich zu machen. Die Kernaussage von Ello ist: Wir wollen Eure Nutzerdaten nicht und nerven Euch nicht mit Werbung. Wenn Euch irgendwas nicht passt, dann könnt Ihr Euer Konto einfach bei uns löschen (nicht deaktivieren, löschen!).
Reicht das aus, um Facebook und den anderen ernsthaft Konkurrenz zu machen? Und wie sieht es da überhaupt aus, bei Ello?

Die Startseite von Ello

Willkommen!

 

Frisch gestrichen

Ello ist leider noch nicht öffentlich verfügbar – man kommt nur herein, wenn man eingeladen wird. Dies hat auch einen Grund: Ello ist noch Beta, also lange noch nicht fertig. Und so fühlt es sich auch noch an. Das Netzwerk, das sich vorgenommen hat, für uns Nutzer da zu sein und uns nicht zu Geld zu machen, ist derzeit ein wenig zaghaft, was seine Funktionen betrifft, hat jedoch bereits eine sehr minimalistische, aber durchaus ansprechende Oberfläche. Ellos Pläne sind aber groß, so dass bereits grundlegende Funktionen, die jetzt noch fehlen, für in Kürze verfügbar versprochen werden.

Das Nutzerprofil und was Ello über mich wissen darf

Nach der Einladung/Registrierung kann man ein grundlegendes Profil ausfüllen, das durch seine Sparsamkeit auffällt. Ein Profilbild, ein riesiges Headerbild (bitte hochscrollen!), der richtige Name, eine kurze Bio und ein Weblink, mehr gibt es nicht anzugeben, und auch das ist alles freiwillig.
Viel mehr ist auch nicht einstellbar für Ello: Man kann noch Nutzernamen, Passwort und E-Mail-Adresse ändern und justieren, worüber man benachrichtigt werden will und ob das Profil öffentlich, also auch außerhalb von Ello erreichbar ist. Getreu seinem Vorhaben, datenarm zu bleiben, kann man noch ausstellen, dass das Netzwerk anonyme Nutzungsstatistiken erfasst und schließlich sein Konto wie erwähnt direkt löschen.

Ello - Die Einstellungen

Ellos Einstellungen

Spreu- und Weizenfreunde

Neue Freunde zu finden, ist bei Ello eher schwierig. Es gibt zwar eine mit ‘Discover’ bezeichnete Suche, wenn man aber nicht den namen oder genauen Usernamen kennt, ist man hier aufgeschmissen. Auf so treffende und weitreichende Vorschläge und Suchergebnisse wie bei Facebook muss man wohl verzichten, dazu ist das Netzwerk wohl zu wenig Datenkrake.

Ello lässt uns Kontakte in zwei Gruppen einteilen – ‘Friends’ und ‘Noise’. Die großen, älteren Brüder haben mit ihren Listen bzw. Kreisen eine feinere Filtermöglichkeit, und oft fällt es mir schwer, bei Ello zu entscheiden, ob jemand wirklich ‘Freund’ ist oder doch zum Grundrauschen gehört. Wie Ihr Eure Wahl auch trefft: Euer Gegenüber erfährt zwar, dass Ihr im folgt, aber nicht, wo Ihr ihn eingeordnet habt. Ihr müsst also nicht mit Strafen rechnen. Die zwei verschiedenen Gruppen sind auf der Seite links mit einem jeweiligen Klick auswählbar.

Die Standardansicht (wenn man auf das Ellologo oben links klickt) ist die der ‘Freunde’. Jeder Beitrag ist hier in voller Breite zu sehen, während die Beiträge in ‘Noise’ in einem sich recht eng anfühlenden Raster angeordnet sind, bei dem man oft kaum einen Satz vollständig lesen kann.

Ello - Die Liste Noise im Netzwerk

Manchmal etwas eng: Die Ansicht der Noise-Liste bei Ello.

Derzeit verhält sich das mit den ‘Freunden’ ähnlich wie bei Twitter – man ordnet einfach jemanden ein, man “folgt” ihm. Allerdings gibt es derzeit keine Möglichkeit, die Verbindung zu kappen oder die Freundschaft erst zu bestätigen. Das ist aber natürlich längst in Planung.

The power of F5-Taste

Man sucht vergeblich nach einer Benachrichtungzentrale auf der Seite, die über neue Follower, Beiträge und Erwähnungen berichtet. Über alle Geschehnisse wird man bislang nur per E-Mail informiert. Die E-Mails selbst zeigen keine Vorschau von Beiträgen oder Antworten, so dass man gezwungen ist, Ello direkt zu besuchen. Kann ich derzeit durchaus mit leben.

Neue Beiträge schieben sich nicht automatisch ins Bild, wie man das eigentlich von den alten Herren der Netzwerke gewohnt ist, man muss bestenfalls die F5-Taste bemühen, um Neues zu sehen. Das Ellologo oben links funktioniert nicht, wenn Ihr auf Eurer Hauptseite, ‘Friends’, seid, nur auf allen anderen Seiten und auf der ‘Noise’-Liste. F5-Faule müssen also tatsächlich leider auf ein bequemes Logoklicken verzichten, um die Seite zu aktualisieren.

Das automatische Nachladen von neuen Beiträgen – so wenig hier bislang passiert – fehlt mir schon ein wenig, ebenso die Benachrichtigungen. Bei Facebook habe ich die Schwelle für E-Mails recht hoch eingestellt, da ich ohnehin viel auf Facebook unterwegs bin und die Benachrichtigungen dann lieber direkt sehe.

Post it

Die eigentliche Hauptfunktion, das Verfassen von Beiträgen, klappt schon recht anständig und kommt bereits jetzt schon wesentlich charmanter daher als bei der betagten Konkurrenz. Man kann sowohl mit Tastaturkürzeln (Strg+I, Strg+B, Strg+U) als auch Markdown seinen Text grundsätzlich stylen – das habe ich bei den Riesen bislang immer schmerzlich vermisst und kannte ich soweit nur von Diaspora. Für Mausfreudige gibt es beim Markieren von Text anklickbare Stylingoptionen und die Möglichkeit, das Markierte mit einem Link zu versetzen.

Ello, das neue Netzwerk - Einen Beitrag schreiben

So verfasst man einen Beitrag bei Ello.

Niemand muss auf Gimmicks verzichten. Ihr könnt auch Emoticons bzw. Emoji, also kleine Symbölchen, verwenden, eine Übersicht findet Ihr auf dieser Seite.

Wer sich nicht entscheiden kann, darf auch nach dem Veröffentlichen noch seinen Post anpassen oder ganz löschen. Einen Hinweis, dass der Beitrag bearbeitet wurde, gibt es nicht. Ein kleines Augensymbol weist darauf hin, wie oft der Beitrag bereits gesehen wurde (dabei nicht, von wievielen Leuten er gesehen wurde). Das ist allerdings recht praktisch.

So richtig Multimedia ist aber das Posten noch nicht. Ihr könnt zwar Bilder aus anderen Fenstern bzw. aus dem Zwischenspeicher munter hineinkopieren, nach dem Absenden ist Euer Post aber leer. Interessant, dass Ello überhaupt leere Posts erlaubt.
Einzige Möglichkeit, ein Bild einzufügen, scheint derzeit das Hochladen zu sein. Kein Verlinken des Bildes. Keine Vorschau für Links, wie man das von der Konkurrenz kennt. Kein Abspielbutton für Videos. Das kommt aber sicherlich noch. In Sachen Einfachheit macht Ello hier seinem Vorhaben alle Ehre 😉 .

Diese lästige Interaktion

In Sachen Kommunikation, also Interagieren mindestens zweier Individuen, ist Ello auch noch ausbaufähig. Keine Likes oder Faves, um gewohnt stumm seine Anerkennung zum Ausdruck zu bringen. Noch keine Kommentare oder gar privaten Nachrichten. Man kann nur manuell mit einem @ einen Usernamen erwähnen, wenn der zugrundeliegende Post, auf den man antwortet, allerdings nicht der letzte ist und man in seiner eigenen Nachricht nicht klar genug ist, kann das durchaus verwirrend sein, worauf eigentlich Bezug genommen wird. Eine Erwähnung wird mit einem kleinen gelben Strich am linken Rand der Nachricht markiert, so dass man ansatzweise die Möglichkeit hat, seine Erwähnung nicht zu verpassen.

Update: Mittlerweile gibt es eine grundlegende Kommentarfunktion, die allerdings noch ohne Benachrichtigung auskommt – man muss manuell gucken, ob jemand kommentiert oder auf einen Kommentar geantwortet hat.

Sicherlich nicht für die erste Runde von großer Bedeutung, aber trotzdem nützlich, wenn es da wäre: Es gibt bisher nur eine Art von Profil, keine Firmenprofile, Seiten oder Gruppen, in denen man tratschen könnte. Inwiefern dort Ello einmal unterscheiden wird, scheint bisher nicht klar.

Fazit: Schüchterner Hipster mit Ambitionen

Ello fühlt sich derzeit an wie eine kleine Party unter entspannten, nerdigen Netzmenschen, die sich eifrig gegenseitig folgen, um schnell die eigene Freundesliste zu füllen und irgendwas auf Ello zu machen. Man ist freundlich, gut gelaunt und ein bisschen schräg, und das macht Ello bereits sehr sympathisch. Ello ist bereits jetzt mit seinem minimalen User Interface sehr schick. Für unser Klientel ist es auch noch nicht ganz so schlimm, dass teilweise grundlegende Funktionen wie echtes Antworten, Kommentieren oder Listen für Kontakte fehlen. Auf eine App für das Smartphone Deiner Wahl musst Du wohl auch noch eine Weile warten und mit der nicht ganz reibungslos funktionierenden Mobilversion vorlieb nehmen.

Deine beste Freundin, die gerade ihre Fotos vonner Disse letzter Woche bei Facebook hochgeladen hat, wird wahrscheinlich noch eine ganze Weile kein neues Zuhause auf Ello für sich finden. Ich habe die Hoffnung, dass all die Leute mit ihren Spieleanfragen auf Ello keine Möglichkeit haben werden, uns auf Ello zu nerven – wenn es Spiele geben wird, bin ich weg. Derzeit wird Ello vor allem sehr internetaffine Nutzer (ich sehe viele Designer, Programmierer und ein paar Printmedien in meiner Liste) anlocken, die mit einem unfertigen Netzwerk umgehen wollen, weil sie neugierig sind.

Fraglich bleibt, ob die bisherigen Versprechen (keine Daten, keine Werbung) und das bislang angedeutete Layout und die Funktionen ausreichen werden, Ello als Netzwerk für die Massen zu etablieren, und wie sich das für die Initiatoren so ausgeht, wenn per se kein Geld durch den normalen Nutzer in die Kassen gespült wird. Der Betrieb des Netzwerkes, gerade wenn es weiter wächst, kostet Geld. Ello hat angekündigt, teilweise zusätzliche Funktionen für einen kleinen einmaligen Betrag anzubieten und sich darüber finanzieren zu wollen. Ich bin gespannt, wie das in der Realität aussehen wird, ob das genutzt wird und tatsächlich ausreicht, das Netzwerk zu finanzieren, ohne irgendwann doch auf andere Quellen umsteigen zu müssen, die mit den grundlegenden Versprechen brechen. Der Nerdcharakter und das recht offene Miteinander macht Ello jedenfalls bereits sehr sympathisch.

Ich habe von Ello gerade fünf frische Einladungen zum Verteilen erhalten. Wer zuerst schreit, bekommt eine 🙂 .

Titelbild: © fotomek – Fotolia.com